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Die Rasse braucht eine starke Hand...oder doch nicht?

Als ich klein war, hatte ich eine mega Begegnung mit einem wundervollen, verspielten Junghund. Teddy der Rottweiler. Seit dem war klar, ich will irgendwann einen Rottweiler haben. Und wann immer ich gesagt habe, ich bekomme einen Rotti, kam der Satz: Ou, die brauchen aber 'ne starke Hand.


Am 16.11.2014 wurde mein Rotti Mädchen geboren und im Januar zog sie ein. In mir wohnte aber bereits ein Gefühl. Das Gefühl: aber Achtung! die braucht eine starke Hand...Juhu...Also haben wir selbstverständlich alle möglichen Kurse besucht, denn ich wollte einen erzogenen Hund. Schließlich hatte ich einen Rotti und die sind ja bekanntlich gemein gefährlich, wenn man sie nicht mit starker Hand führt.


Gott sei Dank hab ich diesen Glaubenssatz im Laufe der Zeit ablegen können und gemerkt bzw. gelernt, dass ich meinen Hund auch freundlich und fair führen kann - mit weicher Hand, wenn man so will.


In 2019 habe ich dann mein Gassi-Service eröffnet und Tiny hat uns fleißig begleitet. Aber mit jedem Spaziergang wurde sie anderen Hunden gegenüber unfreundlicher. Sie wollte ihre Ruhe, spielen war nicht mehr ihr Ding, überhaupt hat sie alles gestresst. Hundebegegnungen, Interaktionen mit anderen Hunden wurden immer doofer für sie. Sie war sehr zickig. Aus meiner Sicht (und da war ich einfach Hundehalter) kam es sehr plötzlich. Ich hatte innerhalb kurzer Zeit 40 kg die ordentlich Alarm an der Leine gemacht haben und sich wirklich jeden Hund und Menschen auf Abstand gehalten haben.

Und da war sie wieder, die Stimme in meinem Kopf, die mir sagte, du hast es vergeigt. Jetzt hast du doch den pöbelnden Hund an der Leine, der Zähnefletschenden Rottweiler.


Brauchte sie doch eine starke Hand? Sie war ja schließlich ein Rotti.


Als das Verhalten los ging, war ich in der Ausbildung bei Anne von Sanny's Hundeservice. Und Teil der Ausbildung war es ein Problemverhalten unseres Hundes zu filmen, um im Anschluss einen Trainingsplan zu erarbeiten. Und was war das erste was Anne zu mir sagte: Geh mit ihr zum Arzt. Sie hat Schmerzen. Festgemacht hat sie das an ihrem Gang. Gesagt getan. Und neben einer Ellbogendysplasie hat Madame auch noch eine Spondylose in der Schulter. Also für uns Menschen in einem Wort zusammen gefasst: AUA!


In Schritt 1 haben wir sie behandeln lassen, zunächst noch ohne dauerhafte Schmerzmittel.


In Schritt 2 kam dann das Hundetraining. Denn in Tinys Kopf ist zementiert: Hunde tun mir weh. Also muss ich Alarm machen, damit ich nicht interagieren muss. Und auch an meinem Kopf musste ich arbeiten. Denn, sagen wir es ganz ehrlich, auch ich musste erst einmal wieder Vertrauen aufbauen und lernen, dass Tiny auch nett auf Distanz gehen kann. Schließlich war ich das andere Ende der pöbelnden Leine.

Wir haben über eine sehr lange Weile (ca. 1 Jahr) unsere Distanz zu anderen Hunden immer weiter reduziert und das Training ausschließlich freundlich gestaltet. Sachen wie Leine schnalzen, mit irgendwas schmeißen oder spritzen oder oder oder das gibt es bei uns nicht! Versteht mich nicht falsch, wenn es mal doch zu nah dran war und Tiny hat Alarm gemacht, dann habe ich das Verhalten natürlich unterbrochen. Aber nicht indem sie auf den Deckel bekommen hat, sondern indem ich kehrt gemacht habe, den Abstand erweitert habe und in meinem Training einen Schritt zurück gegangen bin.


Wir haben nach und nach kleine Fortschritte gemacht. Aber leider hat die erste Behandlung nicht ausgereicht, was sich auch im Trainingserfolg bemerkbar gemacht hat. Seit Mitte 2021 bekommt sie nun alle 6 Wochen ein Depotschmerzmittel gespritzt. Freunde der Sonne, seit dem gibt dieser Hund einfach Gas. Unser Training trägt dermaßen Früchte - es macht einfach Spaß.


Ich möchte euch von meinem heutigen Highlight berichten:

Wir haben angefangen etwas Mantrailing zu betreiben. Papa und Kind können sich verstecken und ich kann mit Tiny die Menschen suchen. Wir müssen keine ewig langen Strecken laufen, sie kann ihre Nase einsetzen und jeder ist beteiligt - win win.


Als wir heute los laufen wollten, kam uns ein Hund auf direktem Weg entgegen - vielleicht 15-20 Schritte von uns entfernt. Ich hätte los laufen können - ja. Aber: Tiny ist an die Ecke gelaufen, hat den Hund kommen sehen, hat direkt ihren Rüssel auf den Boden gepackt und deeskalierend geschnüffelt. Das ist mein Zeichen, dass sie da aktuell NICHT vorbei laufen mag. Wir sind direkt am Straßenrand stehen geblieben, sie durfte den Hund beobachten, konnte sich abwenden. Dann kam der Hund um die Ecke und in einer Sekunde wurde Tiny steif. Ich habe sie angesprochen, zu mir gerufen und wir sind einfach nur 2,3 Schritte weiter auf Abstand gegangen. Der andere Hund wollte gerade pöbeln, da dreht Tiny sich um, holt sich ihren Keks ab und setzt sich hin. Das andere Frauchen hat sich bedankt, ist schnell vorbei gelaufen und wir haben zu unserem Trail angesetzt. YES YES YES. Leute, meine Brust ist geplatzt!


Braucht der Rotti - oder irgendeine andere Rasse - also eine Starke Hand?

Müssen bestimmte Hunde anders oder unfreundlicher geführt werden als andere?


NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN


Das Gehirn im Hundekopf ist immer das selbe.

Natürlich gibt es Rassebedingte Eigenschaften, die bei der Auslastung oder beim Wesen wichtig sein können. Ein Rotti oder Dobermann wird immer ein Gebrauchshund sein, der gerne aufpasst und auch mal am Zaun bellt. Ein Viszla wird gerne mal seinen Rüssel benutzen und einer Spur nachgehen wollen, deswegen ist er ein Jagdhund. Ein Malteser wird sich freuen, freundlichen Menschen zu begegnen und und und. Aber keiner von Ihnen braucht eine härtere Hand als andere. Lernen erfolgt bei allen gleich.


Was sie aber alle gemein haben, sie alle brauchen Klarheit und Sicherheit.

Und sie alle brauchen einen Menschen, der sich darüber im Klaren ist, was das Zielverhalten mal sein soll, der bereit ist, dem Hund das Ziel freundlich zu vermitteln und kleinschrittig daran arbeitet.


Vor allem möchte ich aber noch einmal verdeutlichen, dass wirklich JEDES Verhalten eine bestimmte Funktion hat und dass es sich lohnt, danach zu suchen.


Verhalten unterbinden ist natürlich praktisch und für den Menschen ist das Problem im besten Fall zügig erledigt. Für den Hund nicht. Tiny ist das beste Beispiel. Sie hätte weiterhin Schmerzen, hätte dann Hunde noch doofer gefunden, denn neben der Schmerzen wären diese die Ankündigung für ein motzendes Frauchen geworden.


So konnten wir die Basis legen, dass sich Tiny besser fühlt und dann am Verhalten arbeiten. Und zwar so, dass das Training und das Erlernte auch wirklich hängen bleiben kann. In einem Auto mit Motorschaden kann auch keiner Fahren lernen, oder?


Übrigens, kleine Randnotiz, Schmerzen (am Bewegungsapparat, Organe, etc.) sind sehr oft der Auslöser für Verhalten die uns Menschen nicht passend erscheinen. Wenn ihr also ein Thema habt, an dem ihr mit euren Hunden arbeitet und nicht weiter kommt oder die sehr sehr lange brauchen um besser zu werden, unterstützt euer Training und lasst euren Hund untersuchen. Ein Mal im Jahr zum Tierarzt UND zur Physio ist eine vergleichsweise kleine Investition im Vergleich zu viel Geld für frustrierendes Gassigehen und Hundetraining ohne Ende. Ich empfehle es meinen Kunden im Dogwalking auch ohne, dass der Hund irgendwas "blödes" macht. Lieber einmal zu viel schauen, als ein mal zu wenig.


Mein neben mir liegender, gefährlich schnarchender "Kampfhund" wurde durch meine weiche Hand heute so platt gemacht, dass sie für heute fertig hat :-).


Deswegen sage ich, reicht für heute. Pfote drauf und bis zum nächsten Mal.






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